Sonntag, 20. Oktober 2019

"Jeden Morgen mein Brot zu verdienen, gehe ich auf den Markt, wo Lügen verkauft werden. Hoffnungsvoll reihe ich mich ein zwischen die Verkäufer.”
(Bertolt Brecht: "Hollywood" - im Film auf französisch zitiert von Fritz Lang)

"Für das Schaffen eines Filmes genügen Träume nicht."
(Jeremy Prokosch)

"Diese Welt, in der wir leben zwingt uns immer das zu tun, was andere wollen. Warum ist das Geld so wichtig, bei allem was wir tun, was wir sind und was wir sein werden?"
(Paul Javal)

"Der Tod ist keine Lösung."
(Fritz Lang)

"Man muss stets zu Ende führen, was man angefangen hat."
(Fritz Lang)

Fritz Lang in “Die Verachtung” (“Le Mèpris”)

Deutschlands Meisterregisseur Fritz Lang war ein seiner künstlerischen Persönlichkeit adäquates filmisches Alterswerk bedauerlicherweise nicht vergönnt. In Hollywood hatte er sich ebenso mit diversen Produzenten überworfen wie mit Artur Brauner in Deutschland. Mehrere von ihm favorisierte Projekte scheiterten nicht zuletzt daran, dass sich sein Augenleiden ständig weiter verschlimmerte.

Während in Deutschland seine Filmklassiker aus den Zwanziger und Dreißiger Jahren entweder gar nicht oder lediglich in verstümmelter Form in den Kinos gezeigt wurden, priesen ihn in Frankreich die Vertreter der Nouvelle Vague. Der Regisseur Jean-Luc Godard äußerte enthusiastisch über Fritz Lang : “Er ist das Kino.”

So ist es nicht verwunderlich, dass Godard dem von ihm Verehrten 1963 eine Rolle in seinem nach einem Roman von Alberto Moravia entstandenen Film “Die Verachtung” anbot.

Die rein äußerliche Handlung ist rasch erzählt. Der amerikanische Produzent Jeremy Prokosch (Jack Palance) hat den berühmten Regisseur Fritz Lang (er selbst) engagiert, um in Italien eine Verfilmung von Homers “Die Odyssee” in Szene zu setzten. Der französische Theaterautor Paul Javal (Michel Piccoli) soll das vorhandene Drehbuch nach den abwegigen Vorstellungen von Prokosch umschreiben, da dieser sich davon mehr finanziellen Gewinn verspicht. Da Javal sich in pekuniären Verlegenheiten befindet, nimmt er das Angebot an. Seine Frau Camille (Brigitte Bardot), für die Prokosch ein offenkundiges sexuelles Interesse hegt, überlässt Javal mehr oder weniger dem Produzenten, wofür diese ihre Ehemann zu verachten beginnt. Aufgrund dessen weigert sich Javal plötzlich, das geforderte Drehbuch zu verfassen, angeblich da er ausschließlich für das Theater tätig sein möchte. Nach einer erneuten Auseinandersetzung mit Camille, reist diese mit Prokosch von Capri nach Rom. Während der Autofahrt verunglücken Beide tödlich. Javal verabschiedet sich von Fritz Lang, während dieser auf Capri bleibt, um seinen Film fertig zu stellen.

Godards Werk ist ein in ruhigen Bildern mit kalten, klaren Farbtönen - es dominieren Blau und Weiß mit Rot und Gelb - gefilmter, höchst anspruchsvoller Essay über den Widerspruch zwischen Kunst und Leben, zwischen Anspruch und Wirklichkeit. “Die Verachtung” ist niveauvolles Kunstkino, das man am besten durch mehrfaches Ansehen auf sich wirken lassen sollte und das zahlreiche profunde Wahrheiten enthält.

Fritz Lang verkörpert sich selbst: voller Lebensklugheit und Noblesse, trotz des fortgeschrittenen Alters noch immer für seine künstlerischen Überzeugungen energisch kämpfend und zugleich mit einem leichten Hang zur Resignation.

Während der kultivierte Europäer Fritz Lang Hölderlin, Brecht, Dante und Corneille zitiert und über Homers “Odysee” referiert, wirft der der ebenso arrogante wie beschränkte Amerikaner, der sich allen Ernstes den griechischen Göttern verwandt fühlt aber keinerlei realen Bezug zu dem von ihm in Auftrag gegebenen Werk hat, mit Filmdosen um sich, da er deren Inhalt nicht zu begreifen vermag. Lediglich der Anblick einer nackten Statistin als Meerjungfrau während einer Mustervorführung entlockt ihm ein begeistertes Grinsen. Als Prokosch bei dem Wort Kunst sein Scheckbuch zückt, verweist ihn Fritz Lang darauf, dass es noch nicht so lange her sei, dass die Nazis bei diesem Wort den Revolver gezogen haben.

Symbolisch für die Unmöglichkeit einer vernünftigen Kommunikation zwischen den kunstbeflissenen Europäern (Lang und Javal) und dem ausschließlich von finanziellen Erwägungen getriebenem, ungehobelten Amerikaner (Prokosch), ist dass Prokoschs italienische Sekretärin Francesca Vanini (Georgia Moll) das Gesprochene ständig dolmetschen muss. Die Originalfassung ist bei diesem Film eindeutig der leider gekürzten deutschen Version vorzuziehen, kommt man doch so in den Genuss, Fritz Lang nicht nur deutsch sondern auch englisch und französisch sprechen zu hören, in einer kurzen Sequenz sogar Wiener Dialekt.

Wenn man den Meister in seinem eleganten blauen Nadelstreifenanzug, der jedoch bereits damals der aktuellen Mode nicht mehr entsprach, auf dem maroden Gelände von Cinecittà flanieren sieht und dazu Georges Delerues elegische Musik erklingt, überkommt einen unweigerlich das Gefühl, dass etwas Unwiederbringliches verloren gegangen ist.

In der letzten Szene des Films gibt Fritz Lang Regieanweisungen für seine “Odyssee”- Adaption. Es wird die Sequenz gedreht, in der der aus der Ferne heimgekehrte Odysseus erstmals seine Heimat Ithaka wiedersieht. Trotz der triumphierenden Geste des Darstellers des griechischen Helden, empfindet der Zuschauer statt dessen Wehmut und den Gedanken, dass Deutschlands bedeutendster Regisseur nach mehr als zwanzigjähriger Abwesenheit sein Vaterland nicht wieder gefunden hat.

© Text: Manuela Hertel




“Das schreckliche Geheimnis des Dr.Hichcock” (“L'Orribile Segreto del Dr. Hichcock” / “The Horrible Dr. Hichcock”) / Italien 1962

London 1885. Zu spätnächtlicher Stunde geht auf einem Friedhof ein Totengräber seiner Tätigkeit nach. Eine elegant gekleidete Gestalt schlägt ihn rücklings nieder und öffnet den Sarg. Es handelt sich weder um einen Leichenräuber noch wird der Leichnam für medizinische Experimente benötigt. Statt dessen bewegen sich zwei weiß behandschuhte Hände mit zärtlichen Liebkosungen über das Gesicht und den Leib der attraktiven jungen Verstorbenen.
Im “University College Hospital” operiert der renommierte Chirurg Professor Dr. Bernard Hichcock (Robert Flemyng) erfolgreich den verletzten Totengräber, wobei er ein speziell von ihm entwickeltes Anästhetikum einsetzt.
In einer elegant möblierten aber äußerlich wenig einladenen Villa gibt Margaret Hichcock (Teresa Fitzgerald / eigentlich: Maria Teresa Vianello) einen Klavierabend für einige Bekannte. Die attraktive Blondine wird von der finsteren Haushälterin Martha (Harriet (White) Medin) über die Ankunft ihres Gatten Bernard informiert. Umgehend verabschiedet sie ihre Gäste und begibt sich in ein düster drapiertes und nur von Kerzen erhelltes Zimmer, in dem ihr Ehemann sie bereits voller Ungeduld erwartet. Hichcock injiziert seiner Gattin das von ihm entwickelte Anästhetikum, woraufhin sie in tiefe Bewusstlosigkeit verfällt. Leidenschaftlich wendet sich Hichcock der scheintoten Margaret zu.
Eines Abend scheint das Betäubungsmittel zu versagen, und Margaret bleibt bei Bewusstsein. Hichcock ist von dem ihm bevorstehenden Vergnügen bereits hochgradig angeregt, so dass ihm bei der erneuten Dosierung ein fataler Fehler unterläuft. Seine Frau bäumt sich in Agonie auf und verstirbt vor den Augen ihres ebenso fassungslosen wie entsetzten Mannes.
Nach der Beerdigung informiert Hichcock Martha, dass er seine Tätigkeit als Mediziner am "University College Hospital" aufgegeben habe und sich ins Ausland begeben werde. Die Villa belässt er in der Obhut seiner Haushälterin.
Zwölf Jahre später kehrt Hichcock mit seiner zweiten, deutlich jüngeren Frau Cynthia (Barbara Steele) - sowohl äußerlich als auch emotional ein völliger Kontrast zu Margaret - nach London zurück. Die Villa ist äußerlich verwahrlost, Jezebel - Margarets schwarze Katze - ignoriert den Hausherrn, dem sie zuvor durchaus zugetan war, und Haushälterin Martha reagiert mit kaum verhüllter Abneigung auf die neue Frau an der Seite des Arztes. Irritiert durch einen Entsetzensschrei aus den oberen Stockwerken, beruhigt Martha die Hichcocks, es handele sich um ihre geisteskranke Schwester, die sie allerdings in Kürze in eine Anstalt bringen werde.
Die düstere Villa, in der nicht nur ein überlebensgroßes Gemälde sondern nahezu alles an Cynthias Vorgängerin Margaret erinnert, wirkt sich verheerend auf die Psyche des zuvor zwar nicht leidenschaftlich für einander entflammten allerdings durchaus zärtlich mit einander umgehenden Ehepaares aus.
Cynthia wird von unerklärlichen nächtlichen Visionen gepeinigt, wofür ihr Ehemann ihre durch den kürzlichen Tod ihres Vaters angegriffenen Nerven verantwortlich macht. Währenddessen wird Bernard erneut von seinen nekrophilen Obsessionen gequält, die ihn dazu treiben, sich nachts in der Leichenhalle seiner Klinik einer kürzlich verstorbenen attraktiven jungen Patientin zu nähern. Beide Vorhaben werden jedoch durch das unerwartete Eintreffen anderer Personen vereitelt.
Die ärztlichen Künste des renommierten Chirurgen scheinen Dr. Hichcock ebenso zu verlassen wie seine psychische Gesundheit. Während er eine Patientin nicht erfolgreich operieren kann, angeblich da er das nicht ausgereifte Anästhetikum nicht wieder zum Einsatz bringen möchte, vielleicht auch um eine Tote zu seiner persönlichen Verfügung zu haben, erscheint ihm in seiner Villa der Geist seiner ersten Frau Margaret, von dem er von nun an besessen zu sein scheint. Dass sich Hichcock nunmehr in die Erinnerungen an sein früheres Leben flüchtet, wird auch dadurch manifestiert, dass Margarets zuvor vor ihm scheuende Katze Jezebel ihm mittlerweile wieder zugetan ist.
Als Hichcock Cynthia eines Nachts im weißen Nachthemd tief schlafend vorfindet, faltet er ihr nicht nur die Hände wie einer Toten sondern vollzieht an ihr die gleichen
erotischen Praktiken wie an seiner ersten Frau. Cynthia erwacht währenddessen und starrt entsetzt in das gespenstisch ausgeleuchtete, maskenhaft verzerrte Gesicht ihres Mannes. Schreiend versinkt sie ihn einer Ohnmacht.
Dr. Hichcock erklärt seinem jungen Mitarbeiter Dr. Kurt Lowe (Silvano Tranquilli), seine Frau sei psychisch instabil, doch dieser macht die morbide Atmosphäre in der Villa sowie die mangelnde Empathie des Gatten für deren Unpässlichkeit verantwortlich.
Cynthias undeutliche Erinnerungen an die vergangene Nacht verweist ihr Mann in das Reich ihrer Phantasie und reicht ihr ein mit Gift präpariertes Glas Milch. Die junge Frau kann einen Teil der Flüssigkeit unbemerkt entsorgen, den Rest übergibt sie Dr. Lowe zur Untersuchung. Unverblümt beschuldigt sie iheren Mann des versuchten Mordes, eine Tatsache, die dessen Mitarbeiter bezweifelt.
Inzwischen hat Dr. Hichcock seiner Haushälterin Martha gekündigt, angeblich weil sie Cynthia in Angst versetzt hätte. Dies ist nur die halbe Wahrheit, denn auf diese Weise ist der Arzt mit seiner Gattin nunmehr allein in der Villa. Cynthia unternimmt sogleich einen Fluchtversuch, doch alle Türen sind verschlossen. Als sie durch das Schlüsselloch eines Zimmers, ihren Mann erblickt, wie er ein Seil zu einer Schlinge formt, fällt sie in Ohnmacht, aus der sie in einem Sarg, der ihren Namen trägt, erwacht und aus dem sie sich nur mühsam befreien kann.
Dr. Hichcock hat den Plan, mit dem Blut seiner zweiten Frau Cynthia, seine erste Frau Margaret in ihre alte Schönheit zurück zu versetzten ...
Riccardo Fredas “L'Orribile Segreto del Dr. Hichcock” entstand 1962 angeblich innerhalb von maximal drei Wochen Drehzeit. Es ist nahezu unglaublich, welch ein atmosphärischer Film ihm mit diesem Juwel gelungen ist. Die Farbkomposition - leider nicht in vollem Glanz erhalten - ist von großer Faszination: intensives Rot für Leidenschaft und Gefahrenmomente, kaltes Blau, Weiß und Gelb dominieren den Film, der meist in Zwielicht und Dunkelheit angesiedelt ist.
“"Das schreckliche Geheimnis des Dr.Hichcock" ist natürlich in nicht unbeträchtlichem Maße eine Hommage an den Titelgeber des Protagonisten: Alfred Hitchcock. Die Filme des Master of Suspense werden ausführlich zitiert: in erster Linie natürlich “Vertigo”, wobei die nekrophilen Aspekte bei Freda weitaus offener aber niemals auf widerwärtige Weise thematisiert werden. Direkte Zitate sind das mysteriöse Glas Milch, dass der Gatte seiner Ehefrau serviert (“Verdacht”), der Totenschädel im Bett (“Sklavin des Herzens”), das Seil als Mordwerkzeug (“Cocktail für eine Leiche”) und die Beerdigung bei strömendem Regen auf einer Treppe erinnert an die Attentatsszene in “Der Auslandskorrespondent”. Große Parallelen weist der Film zu “Rebecca” auf, wo ebenfalls der Geist der verstorbenen ersten Ehefrau das Leben der zweiten Gattin schier unerträglich macht. Hier wie dort finden sich das überlebensgroße Gemälde der Verblichenen, die mysteriöse Haushälterin sowie ein filmisches Ende in einem Flammenmeer. Roger Cormans 1964 entstandene Poe-Adaption “Das Grab der Leigia” weist frappierende Ähnlichkeiten mit Fredas Film auf.
Während Barbara Steele kaum mehr zu tun hat, als angsterfüllt zu blicken, markerschütternde Schreie auszustoßen und in Ohnmacht zu sinken, kann ihr englischer Landsmann Robert Flemying in seiner Rolle geradezu glänzen.
Flemyng hatte angeblich erst nach der Vertragsunterzeichnung erkannt, dass der Film das kontroverse Sujet Nekrophilie zum Thema hatte. Da er keine Konventionalstrafe zahlen wollte und anderweitig seiner Rolle nicht entkommen konnte, beabsichtigte er den Film mit einer absichtlich miserablen schauspielerischen Leistung zu sabotieren. Obwohl Flemyng nichts an diesem Film ernst nahm, wie er in späteren Jahren versicherte, gelingt ihm eine faszinierende Darstellung. Der in seinem Kostüm der viktorianischen Ära bis zur Halskrause zugeknöpft erscheinende, elegant gekleidete, vornehm und verbindlich auftretende Herr voller Selbstsicherheit kontrastiert auf grandiose Weise mit dem Anderem in ihm der nervös, mit geweiteten Augen und mit schweißnasser Stirn seinen abartigen sexuellen Begierden ausgeliefert ist.
“Das schreckliche Geheimnis des Dr.Hichcock” ist ein Kleinod des klassischen Horrofilms, dessen Handlung vieles unbeantwortet und daher großen Spielraum für die Phantasie des Zuschauers lässt.
Die deutschen Erstsynchronisation ist sehr gelungen, vor allem das sie tatsächlich klingt, als sei sie zur Entstehungszeit des Films erstellt worden. Besonders Lutz Harder für Robert Flemyng gefällt mir ausnehmend gut.

© Text: Manuela Hertel 

Screenshots von der DVD / © Media Target Distribution GmbH

Robert Flemyng als Professor Dr. Bernard Hichcock
Barbara Steele als Cynthia Hichcock

Harriet Medin als Haushälterin Martha
Robert Flemyng als Professor Dr. Bernard Hichcock und Teresa Fitzgerald (Maria Teresa Vinanello) als seine erste Frau Margaret
Robert Flemyng als Professor Dr. Bernard Hichcock zelebriert Liebe und Tod

Ein Glas Milch (in diesem Fall tatsächlich vergiftet) als Reminiszenz an Alfred Hitchcocks "Verdacht"